Migration und Globalisierung
Das Wort Migration stammt vom lateinischen Wort "migrare" und
bedeutet Wanderung. Migration ist ein sozialer Prozess, den es in der
Menschheitsgeschichte schon immer gegeben hat. Die Bedingungen, unter
denen Menschen migrieren, bleiben allerdings nicht immer gleich, sondern
unterliegen einem gesellschaftlichen Wandel. Die modernen, national verfassten,
kapitalistischen Gesellschaften versuchen, Migrationsbewegungen nach nationalen
Interessen staatlich zu regulieren. Der Migration von Menschen heute wird
also mit staatlichen Migrationspolitiken begegnet.
Allerdings nur, wenn es sich um Wanderungen über die Grenzen von
Nationalstaaten hinweg handelt, um "internationale Migration"
(und um die geht es in der Regel, wenn der Begriff Migration benutzt wird).
Die Wanderung von Menschen innerhalb eines Nationalstaates, wie z.B. von
Ost- nach Westdeutschland, bezeichnet man mit dem Begriff "Binnenmigration".
Wie wird migriert?
Wenn Menschen sich zur Migration entschließen, dann wandern sie
meistens in Gegenden aus, mit denen sie etwas verbinden: z.B. wandern
die meisten Menschen zunächst in nahe gelegene Regionen oder Nachbarländer
aus, weil diese ihnen vertraut und leichter erreichbar sind. Viele NordafrikanerInnen
gehen nach Frankreich, weil sie aufgrund der Kolonialgeschichte Französisch
sprechen, MittelamerikanerInnen wandern in die USA ein, weil diese der
stärkste Wirtschaftspartner und dadurch überall in Mittelamerika
präsent sind. TürkInnen kommen nach Deutschland, weil es eine
lange Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen
beiden Ländern gibt und inzwischen viele persönliche und/oder
familiäre Kontakte vorhanden sind, über die sich die Einwanderung
organisieren lässt. Tendenziell migrieren Menschen dahin, wo Bekannte
sind, die ihnen die Organisierung der Einreise und des beruflichen und
sozialen Einstiegs erleichtern können.
Migrationsmotive
Es gibt viele Gründe für Menschen zu wandern, um woanders zu
leben: der Wunsch nach einer besseren Ausbildung, als sie am Herkunftsort
angeboten wird, Abenteuerlust, die Hoffnung auf einen besser bezahlten
Job, Liebe, der Versuch, beengenden familiären Verhältnissen
zu entfliehen, Hunger, politische Verfolgung...
Die Migration von Frauen hat oft noch andere Gründe und Formen als
die von Männern. Angst vor geschlechtsspezifischer Verfolgung wie
Vergewaltigung oder Beschneidung sowie Diskriminierung können als
Ausreisegrund hinzukommen; den Weg, als Au-Pair oder Pflegekraft einzureisen,
schlagen fast ausschließlich Frauen ein, Heirat und Familiennachzug
werden ebenfalls überdurchschnittlich oft von Frauen genutzt.
Generell migrieren Menschen, um ihr eigenes Leben und das ihrer Angehörigen
zu verbessern. Derzeit ist weltweit eine Zunahme der Migration festzustellen.
Diese resultiert vor allem aus dem stärker werdenden Druck auf Menschen,
in alte oder neue Industriezentren zu wandern, um ihre Arbeitskraft lohnend
verkaufen zu können.
In der Vielfalt der Migrationsgründe lassen sich zwei Hauptmotivationen
ausmachen:
Die Flucht und die Suche nach Arbeit.
Fluchtmigration
Unter Flucht versteht man die Migration von Menschen aufgrund von Hunger,
politischer oder geschlechtsspezifischer Verfolgung, ökologischer
Zerstörung oder Krieg. In diesem Moment befinden sich laut der UN-Flüchtlingsorganisation
UNHCR rund 20 Millionen Menschen auf der Flucht. Nur wenige erreichen
die USA oder Westeuropa, die meisten Flüchtlinge, etwa 2/3, werden
von sogenannten Entwicklungsländern aufgenommen.
Staatlicher Umgang mit Flüchtlingen
Der Umgang mit Flüchtlingen ist als Teil staatlicher Politik zu betrachten:
während z.B. im "Kalten Krieg" Flüchtlinge aus den
sozialistischen Staaten gerne aufgenommen wurden, weil sie als Beweis
der Überlegenheit des kapitalistischen Systems betrachtet wurden,
werden Flüchtlinge heute oft als Bedrohung wahrgenommen und verdächtigt,
ihre Aufnahme in die reichen Länder zu erzwingen oder zu erschleichen.
Der nicht unmittelbare volkswirtschaftliche Nutzen von Flüchtlingen,
ihre eventuelle politische Betätigung sowie die Befürchtung
des Verlustes nationalstaatlicher Souveränität durch schwer
zu regulierende Einwanderung führen zu einer Abschottungspolitik
gegenüber Flüchtlingen. Zwischen den europäischen Staaten
gibt es eine Konkurrenz um die rigideste Einwanderungspolitik. So entsteht
die "Festung Europa". Die Leidtragenden davon sind die Flüchtlinge,
die nicht mehr darauf hoffen können, in Notsituationen selbstverständlich
Aufnahme zu finden, und darum oft gezwungen sind, anstrengende und risikoreiche
Wege der Illegalität zu beschreiten.
Papierlose ertrunken
Die spanische Küstenwacht hat gestern in der Nähe von Tarifa
im Wasser die Leichen von 13 Menschen gefunden, die vermutlich
illegal nach Spanien einwandern wollten und dabei ertranken.
Es soll sich bei den Ertrunkenen zumeist um Nordafrikaner handeln.
taz vom 2.8.2002, Seite 10,
Flucht- oder Arbeitsmigration?
Fluchtmigration und Arbeitsmigration lassen sich oft nur schwer voneinander
unterscheiden: wenn jemand aus materieller Not heraus seinen Wohnort verlässt,
könnte man das sowohl als Flucht-, als auch als Arbeitsmigration
bezeichnen.
Zumeist werden die Stärke des Zwangs und der Grad der Freiwilligkeit
der Migration als Unterscheidungskriterium angelegt, wobei es sich dabei
um schwer messbare Kategorien handelt. Ob jemand Flüchtling ist oder
nicht, hat auch viel damit zu tun, ob er/sie politisch als solcher anerkannt
wird. Die deutsche Migrationspolitik jedoch versucht, eine eindeutige
Unterscheidung zwischen Flucht- und Arbeitsmigration herzustellen, indem
sie zwei unterschiedliche Gesetzesapparate - die Ausländer-/Zuwanderungsgesetzgebung
und das Asylrecht - anwendet und als Fluchtursache nur politische und
geschlechtsspezifische Verfolgung anerkennt. Ob sich Menschen als Flüchtlinge
begreifen oder als Einwanderer hängt neben diesen gesetzlichen Bedingungen
vor allem davon ab, wie hoch der Grad der Freiwilligkeit bei ihrer Entscheidung,
das Herkunftsland zu verlassen, war und ob sie dauerhaft in der BRD leben
wollen oder sich eher im Exil fühlen.
Arbeitsmigration
Die meisten Menschen migrieren aus ökonomischen Gründen. Arbeitsmigration
findet meistens in einem Spannungsfeld von Zwang und freiem Willen statt.
Die Forderung nach mehr Flexibilität der Beschäftigten, die
von ArbeitgeberInnen an ihre Angestellten und von Arbeitsämtern an
Arbeitslose derzeit gestellt wird, ist auch ein versuch, Arbeitskraft
effektiver verwerten zu können, indem sie dahin geht, wo die Arbeit
ist. Der Umzug an einen anderen Ort, um einen Arbeitsplatz behalten oder
eine Arbeit aufnehmen zu können ist also weniger der Lust am wandern,
sondern eher der ökonomischen Notwendigkeit geschuldet, das eigene
Einkommen zu sichern.
Unter den ArbeitsmigrantInnen finden sich u.a. Leute, die keine Arbeit
haben oder eine schlecht bezahlte, Frauen, die sich woanders mehr Chancen
auf eine Berufstätigkeit erhoffen, aber auch ExpertInnen, die ein
Unternehmen im Ausland aufbauen wollen. ArbeitsmigrantInnen sind ein wichtiger
Faktor ökonomischer Entwicklung, und zwar deshalb, weil ihre Arbeitskraft
leichter zu regulieren ist, als die Einheimischer. Oft fungieren sie als
"Konjunkturpuffer": ihr Aufenthalt wird meistens temporär
begrenzt, damit sie in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums zu einer Produktivitätssteigerung
beitragen, in Zeiten hoher Arbeitslosenzahlen allerdings auch wieder weggeschickt
werden können. Deutschland beispielsweise ist in den letzten 50 Jahren
ohne die Arbeit von MigrantInnen gar nicht ausgekommen, und gegenwärtig
scheint die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte von SaisonarbeiterInnen
über Pflegekräfte bis hin zu IT-ExpertInnen einen neuen Höhepunkt
zu erreichen.
Verschiedene Gruppen von MigrantInnen
MigrantInnen haben sehr unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu
Deutschland und dem deutschen Arbeitsmarkt, je nachdem, woher sie kommen.
Angehörige eines Staates der Europäischen Union beispielsweise
werden gegenüber MigrantInnen aus anderen Ländern bevorzugt.
Sogenannte EU-Ausländer dürfen sich in Deutschland frei bewegen,
haben das Recht, sich niederzulassen und zu arbeiten. Das Inländerprimat
bevorzugt EU-Ausländer gegenüber aussereuropäischen Einwanderern:
es besagt, dass ein freier Arbeitsplatz erst dann einem aussereuropäischen
Immigranten angeboten werden darf, wenn kein Deutscher und kein EU-Ausländer
diesen beanspruchen. MigrantInnen, die nicht aus dem EU-Ausland kommen,
sondern aus anderen Ländern, dürfen nicht ohne weiteres einreisen,
sondern müssen eine Arbeits- und eine Aufenthaltserlaubnis beantragen.
Diese sind derzeit kaum mehr zu bekommen, und wenn, dann nur befristet.
MigrantInnenarbeitsplätze
MigrantInnen sind begehrte Arbeitskräfte, weil sie oft für wenig
Geld harte Arbeiten verrichten. Nicht etwa, weil ihnen das nichts ausmachen
würde, sondern weil sie aus vielen Gründen eine geringere Auswahl
an Tätigkeiten haben: Das Inländerprimat sorgt dafür, dass
Deutsche einen Vorrang bei der Arbeitsplatzsuche haben, im Ausland erworbene
Qualifikationen werden in Deutschland meist nicht anerkannt und einige
ArbeitgeberInnen wollen aufgrund von Vorurteilen gegen MigrantInnen diese
nicht, oder wenigstens in bestimmten Bereichen nicht einstellen, so z.B.
Kundendienst, Führungstätigkeiten usw. So landen MigrantInnen
oft im untersten Arbeitsmarktsegment. Und selbst innerhalb der Arbeitsbereiche
gibt es meist noch eine Differenzierung: so werden beispielsweise viele
der "green card - InformatikerInnen" eher für Routineprogrammierungen
eingesetzt und geringer bezahlt als Deutsche in vergleichbaren Positionen.
Die ausgeführten Tätigkeiten sind dabei nochmal geschlechtsspezifisch
unterschieden: Frauen arbeiten in der Gastronomie, in der Elektroindustrie,
als Arzthelferinnen, Prostituierte oder in der bezahlten Haus- und Pflegearbeit,
während Männer zumeist in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder
in der Metallindustrie arbeiten. Gegen die schwierigen Bedingungen der
Migration versuchen sich die Betroffenen auf unterschiedlichste Weise
immer wieder zu wehren: so bleiben einige Menschen, deren Aufenthaltserlaubnis
abgelaufen ist, einfach im Land, ausländische ArbeitnehmerInnen streiken
für bessere Arbeitsbedingungen oder es gibt Versuche, Selbsthilfe-Netzwerke
zu gründen.
(c)2002 by Mag. Soz. Juliane Schmidt